Havanna
Vor dem Hintergrund der heutigen planetaren Urbanisierung präsentiert sich Havanna als ausgesprochener Sonderfall: Während der Urbanisierungsprozess auf globalem Massstab immer weiter voranschreitet und an verschiedensten Orten der Welt ausufernde urbane Landschaften entstehen, scheint diese Entwicklung an Havanna fast spurlos vorbeizugehen. Die karibische Metropole ist in den letzten fünfzig Jahren vergleichsweise wenig gewachsen. Mit einer Bevölkerung von rund 1.4 Millionen gehörte Havanna 1958 zu den grossen Metropolen Lateinamerikas und war damals durch einen rasanten Urbanisierungsprozess und einen starken Bauboom geprägt. Die Kubanische Revolution von 1959 hat diesen Urbanisierungsprozess abrupt gestoppt. Davon zeugen beispielsweise die Hochhäuser am Malecon, die bis heute eine unvollendete Skyline bilden, und es gibt auch heute noch einen klar erkennbaren Stadtrand. 2020 hatte Havanna eine Bevölkerung von etwas mehr als zwei Millionen, die aktuelle massive Wirtschaftskrise hat aber seither zu einer massiven Emigration ins Ausland und damit zu einem deutlichen Schrumpfungsprozess geführt.
Die Urbane Frage
Bis heute ist die Stadtentwicklung Havannas entscheidend durch die Revolution geprägt, die die bestehende Stadtstruktur Havannas durch eine rigorose Bodenpolitik und eine konsequente Politik der Dezentralisierung konservierte. Wie in kaum einer anderen Stadt vergleichbarer Grösse wurden die historischen Quartiere Havannas deshalb durch die urbanen Transformationsprozesse der Vergangenheit nicht zerstört, sondern blieben erhalten. In den letzten Jahrzehnten hat Havanna deshalb gerade unter städtebaulichen Aspekten zunehmende Beachtung gefunden. Das Interesse konzentrierte sich allerdings stark auf das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Habana Vieja. Wie unsere Analyse zeigt, ist der historisch und städtebaulich bedeutsame Teil Havannas jedoch sehr viel grösser. Die grosse Vielfalt und Reichhaltigkeit der urbanen Struktur machen die Stadt als Ganzes zu einem einzigartigen Museum des Urbanismus. Diesen grossen städtebaulichen Qualitäten Havannas wurde bislang allerdings wenig Sorge getragen. In all den Jahren seit der Revolution wurde die Bausubstanz ebenso wie die Infrastruktur massiv vernachlässigt. In vielen Fällen war selbst der Unterhalt nicht sichergestellt und es wurde von der Substanz gezehrt. Somit begann mit der Revolution auch ein langsamer Zerfall der Stadt. Heute verdeckt diese exotische Schönheit, die von ausländischen Besuchern so bewundert wird, einen urbanen Alltag, der für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner sehr beschwerlich geworden ist. In den letzten Jahren hat sich der Zerfall der Stadt deutlich beschleunigt, und das Alltagsleben ist für viele Menschen prekär geworden.
Peña Díaz, Jorge und Christian Schmid: Deep Havana (2008)
In: H. Gugger und H. Spoerl (eds.): Havana Lessons. Lapa, ENAC, EPFL, Lausanne, 2008, 156–167.
Eine städtebauliche Analyse von Havanna
Das Projekt SeDUT (Seminario Internacional de Desarrollo Urbano y Transporte) war ein schweizerisch-kubanisches Forschungs- und Kooperationsprojekt zur Stadtentwicklung von Havanna, das von 2004 bis 2007 durchgeführt wurde. Auf schweizerischer Seite wurde dieses Projekt von der Dozentur Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich und dem Planungsbüro Metron AG getragen, auf kubanischer Seite waren die wichtigsten Institutionen das CEU‑H (Centro de Estudios Urbanos de La Habana, Facultad de Arquitectura, CUJAE), das IPF (Instituto de Planificación Física) und das DPPF-CH (Dirección Provincial de Planificación Física de la Ciudad de La Habana). Das Projekt wurde unter anderem durch das Staatssekretariat für Bildung und Forschung des Bundes (SBF) finanziert.
Zentrales Element dieses Projektes bildete eine Serie von fünf Workshops, an denen Fachleute der Stadtplanung und Stadtforschung von Havanna gemeinsam mit dem schweizerischen Team Analysen der Stadtentwicklung und der Mobilität erarbeiteten. Dies war ein partizipativer Prozess, an dem in unterschiedlicher Zusammensetzung rund fünfzig Fachleute teilnahmen. Wichtigste Methode dieser Workshops bildete eine spezifische Form des Mapping. Diese Analyse hat insgesamt sieben unterschiedliche urbane Konfigurationen identifiziert. Dabei treten vor allem zwei urbane Konfigurationen hervor, die für Havanna von besonderer Bedeutung sind: der Blue Strip und Deep Havana. Die Resultate wurden in den Planungsinstitutionen Havannas breit diskutiert, sie sind allerdings bis heute nur begrenzt öffentlich zugänglich.
Perspektiven für Havanna: Wahlfach Sommersemester 2005
Blue Strip und Deep Havana
Mit Blue Strip bezeichnen wir einen unterschiedlich breiten und heterogenen Stadtgürtel entlang der Küste. Es ist das Gebiet, das bis heute das Bild und das Image von Havanna prägt, und die Touristenströme und das internationale Kapital anzieht. Auch die wichtigsten Kulturinstitutionen und Dienstleistungen sind hier konzentriert, und die internationalen Architektur- und Forschungsprojekte beschränken sich fast ausschliesslich auf dieses Gebiet. Das seit Jahrzehnten in Film, Literatur und Werbung gepflegte Bild eines tropischen urbanen Eldorados findet hier, in der exklusiven Stadt entlang der Küste, ihre weltberühmte Ikonographie.
Hinter dem Blue Strip gibt es einen weitgehend vergessenen und verkannten Teil, fern von Besucherströmen und Kapitalflüssen: „der Süden“, der im Schatten der berühmten Quartiere entlang der Küste liegt. Doch auch der Süden Havannas ist sehr heterogen, und er umfasst höchst unterschiedliche urbane Konfigurationen. In seinem Zentrum identifizierten wir ein grosses zusammenhängendes Gebiet, das wir Deep Havana (La Habana Profunda) nennen. Es liegt zwar geographisch im Zentrum Havannas, doch es ist weit entfernt von den Zentren des Blue Strips, und auch vom nationalen Zentrum rund um die Plaza de la Revolution. Unsere Analysen haben gezeigt, dass die soziale Lage in Deep Havana heute schwierig ist: der Weg in die Zentren ist beschwerlich, die Einkommen sind oft tief, die Bausubstanz zerfällt. In sozialen Begriffen können weite Teile von Deep Havana als Peripherie betrachtet werden.
Urban Atlas of Havana / Atlas Urbano de La Habana
Der Atlas Urbano de la Habana ist ein Projekt von Jorge Peña Díaz, Architekturprofessor am CUJAE(Universidad Tecnológica de La Habana José Antonio Echeverría, La Habana) und Christian Schmid, Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Er basiert im Kern auf dem Projekt SeDUT und wurde über viele Jahre mit weiteren Analysen und Karten ergänzt. Dieses Atlas bietet die Möglichkeit, in einem schwierigen historischen Moment einen Blick auf einige zentrale Fragen der Stadtentwicklung Havannas zu werfen und unsere Erkenntnisse einer breiteren Diskussion zugänglich zu machen. Es richtet sich sowohl an ein kubanisches als auch an ein internationales Publikum wird deshalb zweisprachig, auf Spanisch und Englisch, erscheinen. Es wird 2027 vom Park Books Verlag in Zürich publiziert.









