Urbane Qualitäten
Eine zentrale Aktivität der Dozentur Soziologie ist die Beschäftigung mit der eigenen Stadt in Lehre und Forschung. Diese Stadt hat sich im Verlaufe der Jahre zu einer ausgedehnten Metropolitanregion entwickelt, die weit in die benachbarten Kantone ausstrahlt. Unterschiedlichste Aspekte der Urbanisierung Zürichs werden regelmässig in der Vorlesungsreihe, im Wahlfach Soziologie, im Methodenkurs, in der integrierten Disziplin, in Vertiefungsarbeiten und im Rahmen von Masterarbeiten diskutiert und erforscht. Analysen und Recherchen zur Stadtentwicklung, zu öffentlichen Räumen, Strassen und Plätzen und zum Alltagsleben in der Metropolitanregion Zürich sind ein fester Bestandteil von Lehre und Forschung der Dozentur Soziologie. Diese Arbeiten enthalten einen grossen Reichtum an empirischen Resultaten, von Interviews, Beobachtungen und Wahrnehmungsspaziergängen über Fotografien, Videos und Karten bis hin zu Entwürfen, die wertvolle Analysen und Erkenntnissen enthalten.
Nationales Forschungsprogramm Neue urbane Qualität (NFP 65)
2010 legte der Schweizerische Nationalfonds ein neues Nationales Forschungsprogramm auf, das sich mit der Frage von neuen urbanen Formen und ihrer Qualität befasste. Fünf Lehrstühle des Departements Architektur schlossen sich zusammen und entwarfen das gemeinsame Forschungsprojekt „Urbane Potentiale und Strategien in metropolitanen Territorien — am Beispiel des Metropolitanraums Zürich“:
Marc Angélil, Architektur und Städtebau
Kees Christiaanse, Städtebau
Vittorio Magnago Lampugnani, Geschichte des Städtebaus
Christian Schmid, Soziologie
Günther Vogt, Landschaftsarchitektur
Urbane Qualitäten in der Metropolitanregion Zürich
Das interdisziplinäre Forschungsprojekt erforschte zeitgenössische Urbanisierungsprozesse. Unter Einbezug historischer, gestalterischer und soziologischer Aspekte erarbeitete das Forschungsteam Grundlagen und Empfehlungen für einen tragfähigen urbanen Städtebau in Gebieten, die von starken urbanen Transformationen gekennzeichnet sind. Um den Forschungsfokus auf konkrete Situationen zu richten und Erkenntnisse anschaulich zu erarbeiten, wurden Fallbeispiele aus der Metropolitanregion Zürich untersucht. Die Fragestellung basierte auf einem Paradox: Warum weisen Neubaugebiete so wenige urbane Qualitäten auf? Warum ist der Druck auf die innerstädtischen Blockrandqartiere des 19. Jahrhundert so stark? Wie könnte diese Situation verändert werden?
Drei Gebiete wurden zur vertieften Betrachtung ausgewählt. Obwohl alle Gebiete eine hohe Internationalität aufweisen und von massiven urbanen Transformationen gekennzeichnet sind, weisen sie sehr unterschiedliche stadträumliche Eigenschaften und vollkommen verschiedene urbane Qualitäten auf.
1) Das Gebiet rund um die Zürcher Langstrasse, ein gemischtes innerstädtisches Blockrandquartier mit hoher Interaktionsdichte, das gegenwärtig durch starke Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozesse geprägt ist.
2) Zürich Nord, ein ehemals suburbanes Gebiet, das durch den Flughafen und die Ansiedlung von internationalen Unternehmen eine globale Interaktionsreichweite erreicht hat und seit den 1980er Jahren einen massiven Bauboom erlebt.
3) Das Gebiet Wollerau – Freienbach jenseits der Kantonsgrenze im Kanton Schwyz, eine ehemals periurbane Zone, die sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum der internationalen Finanzwirtschaft und zu einem begehrten Wohnort für sehr hohe Einkommen gewandelt hat.
Urbane Prozesse
Die Dozentur Soziologie beschäftigte sich mit dem Modul Urbane Prozesse und setzte sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen der Entstehung von urbaner Qualität auseinander. Es erarbeitete eine vergleichende Analyse der relevanten sozialräumlichen Prozesse in den untersuchten Teilgebieten und fokussierte dabei auf die involvierten Akteure, Aktivitäten und urbanen Praktiken. Der gesamte Lehrstuhl Soziologie war bei diesem Projekt involviert: Philipp Klaus, Gabriela Muri Koller, Rahel Nüssli, Verena Poloni Esquivé, Christian Schmid und Caroline Ting.
Die heutige metropolitane Grossregion umfasst sehr unterschiedliche Urbanisierungsmuster und urbane Konstellationen, und die untersuchten Teilgebiete weisen diesbezüglich grosse Unterschiede auf. Um diese erfassen zu können, fokussierte das Modul auf zwei zentrale Aspekte, die auf zwei verschiedenen Massstabsebenen analysiert wurden: Auf einer grossräumigen Ebene untersuchte es Prozesse der Urban Governance und ihren Einfluss auf die Herausbildung urbaner Qualität. Auf einer kleinräumigen Ebene betrachtete es urbane Qualität aus der Perspektive der konkreten Alltagserfahrungen von Nutzerinnen und Bewohnern. Wie auch bei den anderen Lehrstühlen waren die Untersuchungen sehr stark in die Lehre einbezogen, mit Vorlesungen, Seminaren, Wahlfacharbeiten, Masterarbeiten sowie Design Research Studios und integrierten Disziplinen.
Jahrbuch D‑ARCH: Soziologie 2010
Jahrbuch D‑ARCH: Soziologie 2011
Jahrbuch D‑ARCH: Soziologie 2012
Wahlfach HS 2009
Wahlfach HS 2010
Wahlfach FS 2011
Wahlfach HS 2011
Wahlfach FS 2012
Wahlfach HS 2012
Wahlfach FS 2013
Urbanes Profil
Die Module der fünf Lehrstühle haben sehr unterschiedliche Forschungsresultate beigesteuert. Der Synthese kam deshalb im Forschungsprozess eine sehr grosse Bedeutung zu. Sie war als gemeinsamer iterativer Prozess gestaltet, bei dem die Beteiligten ihre Erfahrungen und Erkenntnisse präsentierten, Thesen vorgelegten, Entwurfsvorschläge unterbreiteten und viel debattierten. In diesem Prozess hat das Team sechs urbane Qualitäten herausdestilliert: Zentralität, Diversität, Interaktion, Zugänglichkeit, Adaptierbarkeit, Aneignung. Mit diesen sechs Begriffen lassen sich die unterschiedlichen Ausprägungen und spezifische Konstellationen von Urbanität sehr gut abbilden. Jedem der hier definierten urbanen Qualitäten sind zusätzlich drei Aspekte zugeordnet, die Teilbereiche der jeweiligen Qualität beleuchten. Sie können gesondert erfasst und durch planerische, bauliche oder gesetzliche Massnahmen beeinflusst werden. In der Zusammenschau lässt sich daraus ein urbanes Profil erstellen.
Das urbane Profil ist ein Werkzeug, mit dem die Vielfalt urbaner Situationen erfasst und vergleichend abgebildet wird. Es geht darum, aus dem Vergleich von unterschiedlichen urbanen Situationen mit ihren inhärenten Abhängigkeiten, Potenzialen und Defiziten zu lernen, um sie differenzierter interpretieren zu können. Das urbane Profil kann zur Analyse verschiedenster Situationen eingesetzt werden kann — so wird der Blick auf neue Formen der Urbanität frei. Einem Kompass gleich ist es sowohl Orientierungshilfe und als auch Ausgangspunkt für die Bestimmung planerischer und städtebaulicher Strategien und Massnahmen. Es kann zur Integration von Wissen benützt werden und auch zur Gestaltung von konkreten Planungsaufgaben und Entwurfsvorschlägen.
Die Resultate wurden im Leitfaden „Urbane Qualitäten“ publiziert. Es hat sich in Lehre und Praxis als sehr nützlich und fruchtbar erwiesen. Es fand ein weites Interesse unter Fachleuten aus Planung, Städtebau, Architektur und Landschaftsarchitektur, und es bildet auch die Basis des Methodenkurses der Dozentur Soziologie.
Ein neues Bild der Metropolitanregion Zürich
Das vielfältige Material und die Analysen, die im Verlauf dieses Forschungsprozesses gewonnen und in den folgenden Jahren immer mehr erweitert und vertieft wurden, werden gegenwärtig in einem Buch zusammengebracht. Es trägt den Arbeitstitel «Metropolitanregion Zürich: Urbane Konfigurationen und Paradigmen der Stadtentwicklung», wird herausgegeben von Christian Schmid und Caroline Ting und soll 2027 im gta Verlag Zürich erscheinen.












